Es gibt genau zwei Möglichkeiten in meinem und unserem Leben als Familie, in der dämliche Ideen das Licht der Welt erblicken. In der Regel ist das mein Kompetenzbereich. Alle meine Ideen sind blöd! Jedenfalls so lange, wie sie noch in einer Vorserienstufe sind und Anpassung benötigen. 

Im Fall des Gröna Bandet FKT jedenfalls bin ich ausnahmsweise schuldfrei. Oder sagen wir, erst ab der zweiten Ausbaustufe mitverantwortlich. Option 1 für blöde Ideen ist natürlich das Laufen an sich. Hier kommt quasi ausschließlich geisteskranker Schwachsinn mit zurück ins Haus und wird etwa 40 Sekunden später unsanft getötet. 

 Meist kurz nach meinem Eingangssatz “Ich hatte gerade eine Idee…”, der für gewöhnlich mit einem Augenrollen der Präsidentin und einem “Was?” schon im Vorfeld auf Schrottniveau herabgestuft. Manchmal geht es auch direkt  noch eine Etage tiefer mit einem “Oh nein, schon wieder!”
 

Option 2 ist die gemeinschaftliche Erbringung von Blödsinn. Dies geschieht beim Frühstück zu zweit, Kids removed. So war es auch beim FKT-Projekt. Eine Mail vom schwedischen Topo Athletic Distributor erregte bei meiner Frau Interesse. Als neuer Partner eines Fernwanderwegs in Lappland warb Topo Schweden für Trail- und Wanderschuhe. Für uns schon deswegen interessant, weil ich fast 8 Jahre für den deutschen Topo Distributor gearbeitet habe.  

Aber die Story ist schon viel zu weit, die Herangehensweise an diese Geschichte war speziell und wurde mit dem Satz “Ich habe lange überlegt, ob ich Dir das überhaupt erzählen soll” eingeleitet.  Grundsätzlich kann der nun folgende Inhalt eigentlich nur interessant sein, wenn meine Frau ihn schon bedenklich findet! 

Auf der anderen Seite, worüber reden wir hier überhaupt? Die Kinder sind vom Postboten, die Zombieapokalypse läuft bereits – oder was? Jetzt stimmt die Reihenfolge wieder und wir springen zurück zu der Mail, die über den Gröna Bandet berichtete und die Wanderer, die dort durch die Botanik wandern. 

Ich wurde also aufgeklärt: Gröna Bandet ist eine nicht festgelegte Fernwanderoute über das komplette Skandengebirge, welches zwischen Schweden und Norwegen verläuft und im Norden an der Dreiländergrenze Treriksröset und dem nordöstlichen Nachbarn Finnland endet. Der gesamte Bereich des Skandengebirges, über 1300 km lang, liegt im Polarkreis und ist nur von sehr wenigen Straßen durchzogen. Wildnis pur und im Übrigen als die letzte echte Wildnis Europas bekannt. 

Total super für Wanderer, so ähnlich wie der Pacific Crest Trail (PCT) in Nordamerika, nur kürzer und viel einsamer. Allerdings bin ich kein Wanderer, sondern Trailrunner. Wo würde diese Geschichte nun Chili bekommen? An der Stelle, dachte Charlotte jedenfalls, wo der Organisator und Plakettenausgeber sich überlegte die Route von Nord nach Süd oder auch umgekehrt für Wanderer mit geringerem Zeitbudget anzubieten. Die meisten nehmen sich 1,5 bis 2 Monate Zeit für ihr Abenteuer, einige geben auf. Die Idee war also auch denen die drei Jahre nacheinander kommen und so von A nach B wandern, die ehrende Plakette mit Namensprägung und Zeit an die STF Bergstation in Grövelsjön zu tackern.  

Bedeutet im Umkehrschluss für mich: 3 Jahre Sommerurlaub um 10 Tage kürzen, um das Ding abzuhaken. Charlotte hatte schon an Trailrunning gedacht, nicht ans Wandern. Da wir sowieso jeden Sommer in Schweden sind, also ein nachvollziehbarer Gedanke, der mich sofort in seinen Bann zog. Nicht! 

Hiermit sind wir wieder bei Option 1 für blöde Ideen: beim Laufen! Ich nahm diese Sache also mit auf einen entspannten Lauf durch die heimischen Wälder, um darüber nachzudenken. Zwei Stunden später präsentierte ich mit bekanntem, immer gleichbleibenden Ergebnis, die leicht modifizierte Idee. Das Kopfschütteln war als erste Reaktion vorprogrammiert. 

Ich laufe das Ding auf einmal, wie sich das gehört und wenn ich schon mal da bin, dann schauen wir auch gleich wie lange das wohl dauern könnte. In den Ergebnislisten fanden sich nur sehr wenige Trailrunner und die meisten brauchten etwa 28-30 Tage. Bis ich auf Simon Österlin Lamont stieß, der 2021 mit 21 Tagen 7 Stunden und 33 Minuten den aktuellen Rekord über seine Route auf 1274 km aufstellte. Okay! Das ist eine Ansage.

An dieser Stelle muss dringend erwähnt werden, was auch mir damals in dieser Dimension noch nicht klar war. Es ist eine Sache knapp 1300 km auf vorhandenen und vollständig ausgeschilderten Trails mit Brücken wo man sie braucht und greifbarer Verpflegung zu laufen. Gut trainiert ist das kein Problem, welches mir Kopfschmerzen bereiten würde. Im Fall des Gröna Bandet ist es aber so, dass man sich die Route selbst zusammenbastelt und dabei oft eben keinen Trail vor sich hat, sondern wie ein Wolf auf Revierinspektion durch die Tundra rennt und hofft, dass hinter dem nächsten Hügel nicht schon wieder ein wilder Gebirgsbach quer über die Route fließt und keine Brücke hat. Und wenn dieser Gebirgsbach durch den Regen in “Fluß” umfirmiert, wird die Sache unangenehm. Dazu kommen zahlreiche Flächen, die auf Satellitenbildern gut laufbar aussehen, in der Realität jedoch der Kategorie Sumpf angehören. 

All das und noch viel mehr wurde mir erst später in der Planungsphase klar. Zunächst aber musste die Frau überzeugt werden 3 Wochen plus X auf den Bekloppten zu verzichten und viel schwieriger, dass dafür anzupassende Training zu akzeptieren. Wenn also, dann als FKT (Fastest Known Time) am Stück und am besten in 20 Tagen. Ohne größere und mir noch in Erinnerung gebliebene Gegenwehr wurde der Umbau der Grundidee irgendwie akzeptiert.