Eine mutmaßliche Streckenlänge von über 1300 Kilometern ist für einen Läufer ziemlich abstrakt. Zwischen Flensburg und Garmisch liegen beim Race Across Germany 1100 Kilometer und 7800 Höhenmeter. Das ist für mich als ehemaligen Radsportler mit viel Langstreckenerfahrung noch so halbwegs greifbar, diese Strecke plus 200 Kilometer durch die Wildnis zu rennen und nicht überall halten zu können um Verpflegung zu kaufen, ist ein anderes Kaliber. Ich begann also erst einmal die Route festzulegen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, auf was ich mich gerade einlasse.
Im Mai und Juni des Jahres war ich mal kurzzeitig bei Outdooractive angestellt, eine der führenden Karten-Apps für Wanderer, Radfahrer und eben auch Trailrunner. Als Leiter des Bereichs Content lernte ich ein paar nützliche Details in der Kartografie und in der professionellen Anlage von Routen. Das Kapitel endete vorschnell an einer vollkommenen Inkompatibilität mit dem Geschäftsführer und seiner Art mit Menschen umzugehen. Mein Wertesystem war erschüttert, meine Gesundheit auch. Aber immerhin nahm ich einiges Fachwissen mit in die Planung des FKT.
Los gings mit einem Vergleich des Kartenmaterials von Outdooractive, Komoot, Sweden Topo, Vildnis und All Trails. Die meisten Kartendienste nutzen freies Kartenmaterial von Open Street Maps (OSM), insofern sind die Unterschiede gering, wenn keine weiteren Layer mit nützlichen Informationen angeboten werden. Letztlich blieb ich in der Planung bei Outdooractive, da hier auch lokales Kartenmaterial verwendet wird und man zwischen den Ansichten hin- und herschalten kann. Als Entscheidungshilfe nahm ich Satellitenkarten zur Hilfe, die nicht selten einen viel besseren Überblick über die örtliche Situation geben. Haken dabei, die Bilder sind oft mehrere Jahre alt und wo damals Wasser floss, muss das heute nicht so sein. Und umgekehrt ebenso. Verlassen darf man sich auf gar nichts, das habe ich in vielen Jahren App-Navigation gelernt.
Es gibt ein einziges Buch über das Gröna Bandet in Schwedisch und Englisch von Jörgen Johansson, einem extrem erfahrenen Wanderer, der schon zahlreiche Routen weltweit begangen hat und das Gröna Bandet wie seine Westentasche kennt. Als ich den Klappentext las, wurde mir schnell klar, dass ich es wahrscheinlich bereuen würde das Buch nicht gelesen zu haben:
„When you hike Gröna Bandet, you must make your way from Grövelsjön up to Treriksröset. You choose the path yourself.“
Genau darum geht es. Gröna Bandet ist keine schicke Trailroute, bei der man nur den Pfeilen folgen muss. Hier geht es um Navigation, Improvisation und die Bereitschaft unschöne Lösungen zu akzeptieren, wenn die weniger schnellen zu viel Zeit kosten.
Die ernsthafte Routenplanung startet Anfang August in unserem Ferienhaus in Südschweden. Während der Rest der Familie (Kimi 11 und Karolina 7) mit der Mama am Ostseestrand plantschten, saß ich am Küchentisch Stunde um Stunde und bastelte eine Route von Nord nach Süd. Üblich ist eher die umgekehrte Richtung von Grövelsjön nach Treriksröset. Da aber schon damals absehbar, dass ein Start nur in den bayerischen Sommerferien praktikabel ist, fällt die Reisezeit auf eine recht späte Zeitschiene. Ab Mitte August lässt die Jury des Gröna Bandet übrigens auch keine Teilnehmer mehr auf die gewertete Strecke. Die Gefahr für deutliche Wetterwechsel, Schnee und Co. wächst Woche für Woche und das vor allem von Nord nach Süd. Es empfiehlt sich also in diesem Fall dem Wettertrend nicht auch noch entgegen zu laufen.
Die Routenführung einfach bei einem anderen Gröna Banditen zu klauen, schlug fehl. Die meisten geben nur die grobe Routenansicht frei, nicht aber die exakte Route. Abgesehen davon hat jeder andere Pläne und wenn es um die schnellste laufbare, sprich „rennbare“, Route geht, sind damit keine reizvollen Schneefelder und auch keine endlosen Sumpflandschaften gemeint, und wenn sie noch so schön sind. Es musste also eine eigene Route her, die Unwägbarkeiten weitestgehend minimiert, ab und zu einen Einkauf ermöglicht und auch schon mal eine Straße nutzt, wenn es der Sache dient. Sightseeing ist anders – hier geht es um einen Rekordversuch.
Nach 2 Wochen und unzähligen Resets und Korrekturen war die erste Version vollbracht. In den nächsten Wochen sollten noch eine ganze Reihe Revisionen erfolgen. Es gibt beim Gröna Bandet übrigens ein Regelwerk, welches 6 Zwischenstationen vorschreibt, die entweder westseitig zu passieren oder zu durchlaufen sind. Diese ostseitig zu passieren, führt zur Disqualifikation, da dies bedeuten würde das Skandengebirge zu verlassen und sich einen unfairen Vorteil zu verschaffen. Klingt alles ganz simpel, allerdings ist es am Ende nicht ganz so einfach. Wenn man die App von Nord nach Süd selbständig eine Route generieren lässt, ist man ganz schnell bei 1500km und somit aus dem Rennen. Es gilt also hier und da zu kürzen und das mit Bedacht und nur nach zigfacher Prüfung über mehrere Karten zu tun, damit man am Ende nicht in einer ausweglosen „Sackgasse“ steht und womöglich Auswege suchen muss.
Und wenn ich mal nicht an der Routenplanung saß, ging es über die herrlichen Waldtrails in Schweden, die so unvergleichlich federn, dass man eigentlich gar keine Dämpfung mehr braucht. Zu großen Teilen frei von Wurzeln und ein einziges rauf und runter, oft mit Blick auf die Ostsee. Zusammen mit Charlotte testeten wir am kinderfreien Tag mit einem Trip auf die Westseite Schwedens die „Kurzstrecke“ des Kullamannen mit 57K. Großartiger Tag, für mich. Für Charlotte nicht ganz so, obwohl sie superstolz auf sich sein konnte, denn trotz Problemen mit dem Kreislauf und ab Kilometer 30 auch mit dem Knie, hat sie 50K runtergerissen und den ersten Marathon durch einen Ultra ersetzt. Nur der letzte Anstieg blieb ungelaufen. Leider sollten die immer wieder auftretenden Überlastungserscheinungen den späteren Start im Herbst verhindern. Doch dazu später mehr…