Es wurde September und mit dem Ende des Urlaubs war das wöchentliche Laufpensum wieder deutlich oberhalb der 100km-Marke. Man muss allerdings dazu sagen, dass ich seit meinem Ausstieg Ende Juni bei dem Kartensoftwareanbieter auf Jobsuche war und viel Zeit übrig hatte.
Täglich fahndete ich nach Optionen, primär im Sportbereich, aber eigentlich offen für alles was mich erfüllt, solange das Miteinander in der Firma passt. Auf noch so eine Erfahrung mit sozial schwierigen Charakteren konnte ich sehr gut verzichten. Also lief ich, was einerseits ablenkt aber auch Probleme mit sich bringt, wenn man Stunde um Stunde auf den Trails verbringt. Wer viel läuft, kennt das: Dinge verselbständigen sich in Gedanken und gerade in Situationen, die nicht übermäßig prickelnd sind, kann das Kopfkino auch zur Belastung werden. Sorgen vergrößern sich und Dinge die man besser nicht über den Tellerrand denken sollte, denkt man weiter als mental gesund ist.
Immerhin gab es aber das eine noch verbleibende sportliche Ziel neben der Vorbereitung und Planung des FKT: der Kullamannen 100K. Vielen gänzlich unbekannt, ist der Kullamannen in Südschweden eines der ikonischsten 100K-Rennen in der UTMB-Serie und darin auch noch recht frisch. Mit dem damaligen Organisationsduo, allen voran aber Gründer Per, hatte sich der Kullamannen mit seinem Storytelling irgendwo zwischen Wikingerkult, Seemannsgarn, skandinavischem Krimiwetter und üblem Martyrium im Winter als „mach das lieber nicht“-Veranstaltung etabliert. Zunächst weitestgehend unter Ausschluss von Nicht-Wikingern, was bis heute noch so ist.
Der Kullamannen findet Ende Oktober/Anfang November südlich von Göteborg am Kattegat statt. Wer „Vikings“ gesehen hat, kann sich sehr gut vorstellen, dass im Winter hier eher nicht Saison ist. Außer vielleicht für ein paar Natur-Nerds mit einer Buddel Rum in der Jackentasche. Aber wie der Schwede verallgemeinernd so ist, sind Sommerrennen eh zu einfach und außerdem ist man da ja in Urlaub. Also legt man die krassen Sachen gerne auch mal in den Winter. Nicht dass man in den 6 Monaten gerne das Haus verlässt, aber für den Kullamannen dann schon. Und das gilt nicht nur für die Hardcore-Trailrunner, sondern auch für begeisterte Zuschauer ohne Laufambitionen, die sich als Weihnachtsbaum verkleidet mitsamt Ghettoblaster mitten im Wald bei übelstem Dreckswetter und Sturm für die Läufer begeistern. Nie erlebt so etwas, typisch Schweden.
Hier kommt der bereits erwähnte Marcus Kjellberg erneut ins Spiel, der mich auf dieses Rennen vor Jahren brachte und in diesem Jahr zum sechsten Mal die 100 Meilen finishen wollte. Für mich sollte es der erste 100K werden und dafür galt es nun so langsam mit dem Training in eine Endphase zu kommen, anstatt an einem FKT herumzubasteln, der noch in so weiter Ferne lag.
Mit Jens war ich damals immer wieder in Kontakt. Wir schickten uns Materialideen, diskutierten darüber und überlegten auch, ob wir das Ding einfach laufen oder ob der FKT etwas ist, was man größer denken sollte. Größer denken hieß: Medien einbeziehen, Sponsoren suchen, Websites bauen, Social Media hochfahren. Jens hatte schon einige Jahre länger Erfahrung mit Sponsoren und war deutlich routinierter mit der Erstellung von Instagram-Inhalten, während ich (bis heute) Insta wenig abgewinnen kann und lieber schreibe und Bilder poste, als in die Kamera zu schwätzen. Er hat mehr Follower auf Insta, ich mehr auf Facebook – sollte das der gelungene Twist sein? Wir werden sehen.